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Kein Naturtalent

Vom Hauptschüler zum informatikstudent

Lasst mich euch eine Geschichte erzählen. Ein Teil der Geschichte meines Lebens. In der Grundschule war ich wirklich unterdurchschnittlich. Abgesehen von Mathe habe ich in keinem Fach was gerissen. In Diktaten hatte ich regelmäßig Sechsen, in Sport wurde ich ausgelacht und selbst in Musik hatte ich Angst vor dem Lehrer. Meine Eltern (wofür ich ihnen bis heute dankbar bin) haben gesagt, dass ich mir keine Sorgen um meine akademische Leistung machen soll und sie immer stolz auf mich wären. Auch ein Hauptschulabschluss wäre vollkommen in Ordnung.

Ich ging also an eine Gesamtschule und war eigentlich überall (außer in deutsch) auf Realschulniveau. Ich war nicht besonders gut, aber auch nicht miserabel. Jedes Schuljahr jedoch wurden meine Noten besser und am Ende war ich irgendwo so in den besten zwanzig. Also entschied ich mich, auf eine Fachoberschule zu gehen mit Schwerpunkt Informatik. Mir war klar, dass ein Studium unrealistisch ist, aber ich hatte mittlerweile Spaß an der Schule und bei der Ausbildung danach habe ich wenigstens schon mal akademische Berührungspunkte mit Informatik.

Meinen Abschluss habe ich als fünftbester aus dem gesamten Jahrgang gemacht. So wurde ich zum Informatik student. Ganz am Anfang des ersten Semesters wurde uns gesagt, dass nur 40% der Leute, die anfangen den Bachelor schaffen. Auch wenn ich erst in der Mitte meines Studiums bin, sieht es gerade gut aus, dass ich meinen Bachelor schaffe.

Poesie

Wie aus dem Text oben hervorgeht war ich sehr schlecht in deutsch. Also texte schreiben liegt mir von natur aus gar nicht. Zugegeben, war das Fach deutsch konstant eines meiner unliebsten, auch nachdem ich spaß an der schule empfunden habe. Alles was mit Worten zu tun hatte, sei es Lesen oder Schreiben, missfiel mir und ich war ausgesprochen schlecht darin.

Irgendwann (wie ich eventuell mal in einem eigenen Post genauer aufarbeiten werde) kam ich an einen Punkt in meinem Leben, wo ich mental so gebrochen wurde, dass ich ein Ventil brauchte, um meine Gedanken zu verstehen. Egal wie, ich musste es irgendwie rauslassen. So habe ich angefangen, gefühlvolle Texte zu schreiben.

Nach einer Zeit habe ich mehr auf meine Worte geachtet, um genau das auszusagen, was ich empfinde oder denke. Mir wurde es wichtig, nicht nur meine Worte irgendwo hin zu kotzen, sondern, dass ich das in einer stilvollen Art und Weise mache. Ich bin wahrlich nicht außergewöhnlich, aber es ist so gut, dass ich fast regelmäßig positiv auf meine Texte und die Art, wie ich mich ausdrücke angesprochen werde. Ich bin in der Lage etwas in Menschen auslösen und sie besser fühlen zu lassen.

Seit kurzer Zeit schreibe ich sogar “lange” Blogbeiträge, so wie diesen, den ich am stück aus einem tiefen Gefühl der Inspiration raus runterschreiben kann.

Tutorenstelle

Letztes Semester gab es ein Modul, welches mich besonders interessiert hat. Der Professor hat mich begeistert und die Inhalte waren, auch wenn sie teils sehr trocken waren, allesamt interessant. Uns wurde stark davon abgeraten, dieses Modul bei diesem Professor zu nehmen, weil es bei ihm ausgesprochen anspruchsvoll war. Das habe ich ganz klar gemerkt. Nach jeder Vorlesung war ich aufs Neue verwirrt, aber ich wollte es verstehen.

In der Mitte vom Semester habe ich mir dann in den Kopf gesetzt, dass ich Tutor werden könnte, in diesem Modul. Im schwersten Modul, in diesem Semester, beim anspruchsvollsten Professor Tutor werden zu wollen, grenzt an Wahnsinn. Ein paar Wochen vor der Prüfung kam dann eine E-mail, von dem Professor, dass er noch Tutoren für dieses Modul sucht. Sofort habe ich mich beworben und bekam die Rückmeldung, dass es natürlich auf meine Note in der Prüfung ankommen würde und er sich bei mir dann melden würde.

Ich bin mir recht sicher, dass ich noch nie in meinem gesamten Leben so viel für irgendwas gelernt habe. Am Ende hatte ich eine 1.7 und habe gewartet, ob das reicht, um Tutor zu werden. Nachdem Wochen vergingen und der Drang gewissheit zu erlangen, meine Angst davor auf eine E-mail, die mit “ich melde mich bei Ihnen”, mich stattdessen bei ihm zu melden, habe ich dies getan. Nun bin ich seit diesem Semester Tutor in diesem Modul, habe mehrfach Komplimente bekommen, dass man merkt, dass es mir Spaß macht und der Laboringenieur(das ist sowas wie ein krasser Tutor) will mich auch noch in einem anderen Modul als Tutor haben.

J-fashion model show

Ich bin von Natur aus kein schöner oder ansatzweise konventionell attraktiver Mensch. Im Gegenteil sogar. Ich wurde jahrelang für die Art, wie ich aussehe, ausgegrenzt und beleidigt. Vor ungefähr fünf Jahren bin ich dann langsam in alternative fashion reingekommen und habe, unter anderem wegen der Art, wie ich mich gekleidet habe, Freunde gefunden. Nach und nach habe ich immer wieder meinen Style überarbeitet, überdacht und weiter entdeckt.

Seit ungefähr einem Jahr bekomme ich deshalb regelmäßig komplimente für die verschiedensten Teile der Art, wie ich mich durch meine Klamotten ausdrücke. Nie durch angeborene Merkmale, sondern ausschließlich durch meine Klamotten, Accessoires, Tattoos und Haarfarbe wahl. Allesamt sind Dinge, an denen ich seit Jahren arbeite und viel Zeit sowie Geld investiert habe.

Vor ungefähr einem Jahr habe ich eine Person kennengelernt, die sich sehr mit J-Fashion auskennt, eine eigene Community im Umkreis von Frankfurt aufbaut und bereits auf einem Laufsteg war mit ihren Outfits. Vor drei Wochen wurde ich dann, durch sie, zum ersten Mal darauf aufmerksam, dass es die Gelegenheit gibt, mit einem eigenen Outfit auf einer Cosplay Convention auftreten. Alles in der Richtung J-Fashion / Lolitta ist dabei gestartet. Mir war klar, dass ich nicht genug in dieser Richtung drinne bin. Nachdem es nochmal einen letzten aufruf dazu gab, sich zu bewerben, habe ich es gemacht. Die wahrscheinlichkeit sei zwar gering, aber ich kann auch nichts verlieren.

Nach 10 Minuten wurde ich angenommen.

Wie hängt das alles Zusammen

Ich bin kein von Natur aus Talentierter Mensch. Keines der dinge in welchen ich mittlerweile “gut” bin habe ich in die Wiege gelegt bekommen. Ich komme nicht aus einer Akademikerfamilie, wurde nicht mit einem überragenden Aussehen gesegnet, habe LRS und bin die Definition von Durschnitt.

Der einzige Grund, warum ich nun nicht mehr miserabel in all diesen Dingen bin, ist weil ich es mir erarbeitet habe. Ich bin zwar vielleicht kein Naturtalent, aber ambitioniert und diszipliniert genug, dass zu ändern und darauf bin ich stolz :3

PS: Bitte versteht das keinesfalls als “Also wenn du gemobbt wirst, nicht studierst etc willst du es nur nicht genug”. Das ist absolut nicht meine Aussage und ich würde niemals mit so einer Haltung einem anderen Menschen begegnen. Es gibt auch genug angeborene Sachen, die alle Sachen, die ich oben genannt habe, unmöglich machen. Meine Aussage ist wirklich nur, dass ich ausnahmsweise stolz auf mich bin, weil ich erkenne, dass ich mir Dinge erarbeitet habe.

PS PS: Ich bin absolut nicht der Überzeugung, dass ich sonderlich besser bin als andere. Jeder, der es probiert (mit natürlich dem im Kopf, was ich oben geschrieben habe) kann besser als ich werden.